Hekate – Hüterin des Wandels (Teil 2)
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Die Göttin, die Zeiten beendet und neue eröffnet
Es gab immer wieder Zeiten, in denen Hekate vergessen wurde. Und es gab immer wieder Zeiten, in denen sie plötzlich wieder auftauchte. Nicht zufällig. Sondern immer dann, wenn Menschen an einen Punkt kamen, an dem Entwicklung notwendig wurde.
Solange es den Wunsch nach Wachstum, Transformation und Übergang gibt, wird sich auch Hekate immer wieder zeigen.
Nicht als Modeerscheinung. Nicht als Trend. Sondern als archetypische Kraft.
In Teil 1 ging es um meine erste Begegnung mit ihr, um ihre ursprüngliche Herkunft und um die Tatsache, dass sie keine Mondgöttin ist, auch wenn sie bis heute oft so dargestellt wird.
In diesem zweiten Teil gehen wir tiefer. In die Mythen. In die Geschichten, die erklären, warum selbst die Götter Respekt vor ihr hatten. Und warum sie bis heute als eine der mächtigsten Übergangsgöttinnen gilt.
Hekate und der Sturz der Titanen
Um zu verstehen, warum Hekate gefürchtet und respektiert wurde, müssen wir einen Schritt zurückgehen. In eine Zeit vor den olympischen Göttern.
Damals herrschten die Titanen. Es war das sogenannte Goldene Zeitalter. Eine Zeit ohne Krankheit, ohne Hunger, ohne Leid. Und gleichzeitig eine Zeit ohne Entwicklung.
Der oberste Titan war Chronos. Durch eine Prophezeiung wurde ihm vorausgesagt, dass seine eigenen Kinder ihn stürzen würden. Aus Angst begann er, seine Kinder zu verschlingen. Nicht als grausame Tat im heutigen Sinne, sondern als mythologisches Bild für Kontrolle und Stillstand.
Zeus entkam diesem Schicksal durch eine List, befreite später seine Geschwister und löste damit den Krieg zwischen den alten Göttern und den neuen aus.
Und genau hier tritt Hekate auf den Plan.
Sie griff ein. Nicht neutral. Nicht zögerlich. Sie stellte sich auf die Seite der neuen Götter.
Mit ihrer Fackel verbrannte sie die Titanen, schwächte sie und ermöglichte es, sie in den Tartaros zu verbannen. Den tiefsten Punkt der Unterwelt.
Damit beendete sie das Goldene Zeitalter. Und schuf Raum für eine neue Ordnung.
Das ist kein Akt der Zerstörung. Es ist ein Akt des Übergangs.
Hekate war es, die eine alte Zeit beendete, damit eine neue entstehen konnte. Genau hier zeigt sich ihr Wesen. Sie ist nicht die Bewahrerin des Status quo. Sie ist die, die Bewegung bringt, wenn Stillstand gefährlich wird.
Hekate als Schicksalsgöttin
Durch diese Tat wurde Hekate endgültig zu einer Schicksalsgöttin.
Nicht, weil sie Schicksal bestimmt, sondern weil sie an den Punkten steht, an denen sich entscheidet, ob etwas endet oder weitergeht.
Ihre drei Gesichter, die später in Griechenland stärker betont wurden, stehen nicht für Jungfrau, Mutter und Weise im klassischen Sinne.
Ursprünglich stehen sie für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Für Zeit selbst.
Und Zeit ist nichts Abstraktes. Zeit ist Bewegung. Zeit ist Wandel. Zeit ist Entscheidung.
Hekate, Persephone und der Weg in die Unterwelt
Eine der bekanntesten Geschichten, in denen Hekate eine zentrale Rolle spielt, ist der Mythos um Persephone.
Kore, die junge Tochter Demeters, wird in die Unterwelt geführt und kehrt nicht als dieselbe zurück.
Helios, die Sonne, sieht alles. Er sieht auch diesen Raub. Doch selbst er kann nicht eingreifen, denn die Unterwelt ist für die meisten Götter unzugänglich.
Hekate hingegen kann diese Grenze überschreiten.
Mit ihrer Fackel steigt sie in die Unterwelt hinab. Sie sucht Kore. Und sie führt sie zurück.
Doch nicht als das Mädchen, das sie war.
Kore kehrt als Persephone zurück. Als Königin der Unterwelt. Als Göttin der tiefen Gefühle, der Ängste, der Schatten und der Erlösung.
Hekate wird von diesem Moment an ihre Begleiterin. Jahr für Jahr führt sie Persephone in die Unterwelt und wieder hinaus.
Diese Geschichte zeigt etwas Entscheidendes:
Übergänge verändern uns. Wer sie durchschreitet, kehrt nicht unverändert zurück.
Die Erdtriade und der wahre Platz von Hekate
Oft wird von einer Erdtriade gesprochen, bestehend aus Kore, Demeter und Hekate.
Doch wenn man genauer hinschaut, ergibt eine andere Sichtweise mehr Sinn.
Kore steht für den Anfang.
Demeter für die nährende Mutterkraft.
Persephone für die Weise, die den Übergang erlebt hat.
Hekate ist nicht eine dieser Phasen. Sie ist der Weg dazwischen.
Sie ist die Verbindung. Die Schwelle. Der Moment, in dem etwas stirbt und etwas Neues vorbereitet wird.
Kreuzwege, Dunkelmond und die Verbindung zu den Toten
Im antiken Griechenland wurden Hekate am Dunkelmond Opfergaben an Kreuzwegen dargebracht.
Nicht nur für sie, sondern auch für die Toten.
Diese Speisen waren tabu für die Lebenden. Sie gehörten den Seelen.
Hier zeigt sich erneut ihre Rolle als Mittlerin zwischen den Welten.
Und an diesen Kreuzwegen taucht ein weiterer Gott auf, der überraschend gut zu ihr passt. Hermes.
Hekate und Hermes als Seelenführer
Hermes ist der Götterbote. Der Gott der Reisenden, Händler, Diebe und Magier.
Und auch er ist ein Seelenführer.
Beide begleiten Seelen. Beide überschreiten Grenzen. Beide bewegen sich zwischen den Welten.
In der Spätantike taucht sogar eine geschlechtsneutrale Mischgottheit auf, die Hekate und Hermes vereint. Hermhkt.
Hier verbinden sich Gegensätze. Weiblich und männlich. Licht und Dunkelheit. Bewegung und Schwelle.
Sogar der Mond spielt hier eine andere Rolle als gedacht.
In manchen Überlieferungen ist die Unterwelt zeitweise mit dem Mond verbunden. Als Ort der Reinigung der Seelen vor der Wiedergeburt.
Nicht Selene steht hier im Mittelpunkt, sondern der Übergang selbst.
Hekate als Todesgöttin und Schwellenhüterin
Durch ihre Rolle als Seelenführerin wurde Hekate später als Todesgöttin bezeichnet.
Nicht, weil sie den Tod bringt, sondern weil sie ihn begleitet.
Ihre Begleiter sind Hunde und Schlangen. Beides Schwellentiere in vielen Kulturen.
Der Hund als Wächter. Die Schlange als Symbol der Transformation.
Sogar Kerberos, der dreiköpfige Wachhund der Unterwelt, trägt ursprünglich schlangenartige Züge.
Hier schließen sich die Kreise.
Hekate als Urkraft des Übergangs
Hekate ist Erdgöttin und Sonnengöttin zugleich.
Sie ist die Sonne unter der Erde. Die Mitternachtssonne. Das Licht, das im Dunkel getragen wird.
Sie verkörpert Tod und Geburt. Ende und Anfang.
Sie herrscht über die unfruchtbare Zeit, in der scheinbar nichts geschieht, während im Verborgenen bereits neues Leben entsteht.
In jeder Geschichte begleitet sie jemanden durch einen Übergang.
Sie ist nicht nur Helferin. Sie ist der Übergang selbst.
Warum Hekate nie verschwindet
Tempel können verfallen. Kulte können vergessen werden. Texte können verloren gehen.
Doch archetypische Kräfte verschwinden nicht.
Solange Menschen lieben wollen, wird es Bilder von Venus geben.
Und solange Menschen wachsen wollen, wird Hekate wirken.
Sie ist eine Urkraft des Universums. Nicht nur auf der Erde.
Alles endet. Alles beginnt neu.
Und Hekate ist die, die diesen Prozess begleitet. In jedem Leben. In jeder Phase. In jedem Wandel.
Sie ist Lehrerin, Beschützerin, Mutter und Begleiterin zugleich.
Und genau deshalb war es mir wichtig, sie als erste Göttin in diesem Podcast vorzustellen.
Nicht, weil sie leicht ist.
Sondern weil sie wahr ist.
Wenn du ihre Energie näher kennenlernen möchtest, dann beginne einfach.
In Ruhe. Ohne Drama. Vielleicht mit einer stillen Meditation. Vielleicht mit einem Kakao. Vielleicht mit Rauch, der den Raum öffnet.
Hekate braucht kein großes Ritual.
Sie erscheint, wenn der Übergang bereit ist.
Zur Podcastfolge: Die Göttin Hekate Teil 2
Räucher-Pralinen: Hekate – Der Übergang